Köpfe der Digitalisierung: Fragen an Prof. Dr. Dorothee Meister

Prof. Dr. phil. Dorothee Meister ist Professorin für Medienpädagogik und empirische Medienforschung an der Universität Paderborn.

Prof. Dr. Dorothee Meister

Thomas Köhler/photothek.net

Prof. Dr. phil. Dorothee Meister ist Professorin für Medienpädagogik und empirische Medienforschung an der Universität Paderborn. Darüber hinaus engagiert sie sich als Co-Vorsitzende der „Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK)“ und gehört zu den Unterzeichnerinnen des „Medienpädagogischen Manifests“ der Initiative „Keine Bildung ohne Medien“. Das Papier fordert unter anderem eine flächendeckende Medienpädagogik, die über Schulen hinaus auch Kindergärten, Hochschulen, außerschulische Lernorte und Bildungseinrichtungen für Erwachsene einbezieht.

Was ändert sich, wenn Schulen in den nächsten fünf Jahren flächendeckend mit digitaler Technologie ausgerüstet sein werden?

Die flächendeckende Ausrüstung mit Technik könnte eine wichtige Basis für die pädagogische Arbeit darstellen. Ich wünsche mir, dass Schülerinnen und Schüler dann endlich die Möglichkeit erhalten, über die sozialen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen, technologischen und ethischen Dimensionen unserer digitalen Welt zu diskutieren und sie kritisch zu reflektieren. Dazu ist ein Grundverständnis der informatisch-medialen Systeme nötig sowie der praktische Umgang und das Kennenlernen der entsprechenden Geräte und Anwendungen.

Ich hoffe aber auch, dass neben der umfassenden Medienbildung auch in jedem Fach die didaktischen Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Medien ausgelotet werden. Nur über einen sinnvollen und geplanten Medieneinsatz kann der Unterricht interaktiver, kommunikativer, teamorientierter und damit schülerorientierter werden. Ganz wichtig wäre es auch, wenn mit Unterstützung der digitalen Technologien die kreativen, künstlerischen und kulturellen Potenziale der Schülerinnen und Schüler stärker gefördert würden.

Welche Rolle wird dann Medienpädagogik spielen – im Vergleich zu heute?

Wenn sich Schulen auf den innovativen Prozess der Integration digitaler Medien einlassen, wird der Medienpädagogik eine Schlüsselrolle zukommen. Denn im Zuge der schnellen technologischen Entwicklung und damit fortwährenden Transformation der Gesellschaft braucht es auch fachübergreifende Perspektiven und ein gutes Netzwerk zu anderen Institutionen. Die Medienpädagogik betont die Bedeutung von einer umfassenden Bildung und Persönlichkeitsentwicklung des Menschen und leistet einen maßgeblichen Beitrag dazu, dass ein sozial verantwortliches, kulturell reichhaltiges und demokratisches Leben in einer digitalen Welt möglich ist.

Dies gelingt jedoch nur, wenn Medienbildung zumindest für zwei bis drei Jahre auch als Fach in der Schule unterrichtet wird. Die Lehrkräfte, die Medienbildung unterrichten, können zum ersten Impulsgeber für die Schulentwicklung werden und in dieser Rolle die notwendige Koordinierung des Medienkonzepts der Schule vornehmen. Darüber hinaus vermitteln sie auch die informatischen Grundlagen für digitale Medien, die im Fachunterricht kaum eigens behandelt werden können, wie beispielsweise Jugendmedienschutz oder Cybermobbing. Zum dritten wären Lehrkräfte für Medienbildung ideal, um die Verbindung zur außerschulischen Medienbildung und weiteren Partnern herzustellen, in der schon langjährige Erfahrungen in der kreativen Arbeit mit Medien bestehen, denn Schule kann sicher nicht alle Aufgaben alleine bewältigen.

Wie wichtig finden Sie die medialen Lernkonzepte, die die Länder entwickeln sollen und die Teil des von Bundesministerin Johanna Wanka angebotenen Digitalpakts sind?

Die Umsetzung von innovativen Konzepten in der Schule ist nur durch die Länder möglich. Deshalb sind die Mittel für die Ausrüstung der Schulen mit digitalen Technologien lediglich eine -wenn auch ganz zentrale- Bedingung, auf die die Länder dann reagieren müssen. Die KMK hat im Dezember 2016 ein Strategie-Papier zur „Bildung in der digitalen Welt“ veröffentlicht. Dieses Papier ist eine wichtige Voraussetzung, um den Prozess der Integration digitaler Technologien in den Schulalltag zu ermöglichen.

Gleichwohl gab es auch schon in der Vergangenheit Papiere zu dem Thema. Es mangelt in den meisten Bundesländern bisher an Verbindlichkeit, damit die digitalen Medien den Unterricht auch in der gewünschten Weise bereichern können. Konkret bedeutet dies, dass überwiegend weder Medienbildung im Unterricht obligatorisch ist noch die Lehrkräfte dafür entsprechend qualifiziert sind. Leider ist Medienbildung in den Bundesländern fast nirgends integraler Teil des Lehramtsstudiums und kommt auch in der Fortbildung zu kurz. Insofern werden die Bundesländer noch einiges an Bemühungen aufwenden müssen, damit Bildung in der digitalen Welt Realität wird.

Was bedeutet die Aufgabe, digitale Kompetenz schon in der Schule vermitteln zu müssen, für die Lehrpläne?

Wenn man die Anforderung ernst nimmt, Schülerinnen und Schüler umfassend auf die digitale Welt vorzubereiten und sie zu befähigen, technologische Prinzipien zu verstehen und sie kritisch reflektieren zu können, dann müssen sich auch die Lehrpläne ändern. Zum einen braucht es deshalb das Fach Medienbildung, in dem fächerübergreifende medienpädagogische und informatische Grundlagen gelegt werden. Zum anderen muss für jedes Fach und für jede Schulstufe festgelegt werden, in welchen Feldern es sinnvoll ist, Aspekte der digitalen Welt im Lehrplan aufzugreifen. Nur unter diesen Voraussetzungen wird es möglich sein, eine flächendeckende und umfassende Bearbeitung der Kompetenzanforderungen in der digitalen Welt für alle Schulen gleichermaßen zu gewährleisten.