Köpfe der Digitalisierung: Fragen an Prof. Dr. Katharina Zweig

Prof. Dr. Katharina Zweig ist Professorin für Theoretische Informatik an der TU Kaiserslautern und leitet dort den Lehrstuhl „Graphentheorie und Analyse komplexer Netzwerke“. 

Katharina Zweig Bild: Thomas Köhler/photothek.net

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Prof. Dr. Katharina Zweig ist Professorin für Theoretische Informatik an der TU Kaiserslautern und leitet dort den Lehrstuhl „Graphentheorie und Analyse komplexer Netzwerke“. Am Thema Digitalisierung interessieren sie nicht nur die technischen Möglichkeiten der Geräte, sondern ganz besonders die Wechselwirkungen mit den Menschen, die diese Geräte benutzen. Als Themenpatin des dritten ZukunftsForums „Lehren, lernen und leben in der digitalen Welt“ des BMBF begleitete sie einen Workshop über die Qualität von Bildungsangeboten im Jahr 2030. 

Was ändert sich, wenn – wie mit dem Digitalpakt#D geplant – in den nächsten fünf Jahren Schulen flächendeckend mit digitaler Technologie ausgerüstet werden?

Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass es die Einbindung des ganzen Lehrerkollegiums braucht – auch der Lehrerinnen und Lehrer, die um Umgang mit Geräten Unterstützung benötigen oder ihren Einsatz in bestimmten pädagogischen Zusammenhängen infrage stellen. Wenn das nicht gelingt, wird es zwar Leuchtturmprojekte geben, aber an der Masse der Lehrerinnen und Lehrer und natürlich ihrer Schüler geht die Digitalisierung vorbei.

Wir benötigen gute Konzepte für den digital unterstützten Unterricht, der die Schülerinnen und Schüler nicht dazu verführt, während einer Deutschstunde mal eben auf Instagram nachzusehen, was die Freunde machen oder sich im Web zu verlieren. Denn das ist etwas, was ich auch bei meinen Studierenden oft sehe, die daher manchmal regelrecht dankbar sind, wenn ich darum bitte, die Laptops für für eine Weile zu schließen.

Wie können sich Lehrende und Lernende auf die Digitalisierung des Unterrichts vorbereiten?

Die meisten Lernenden sind den Umgang mit digitalen Geräten gewohnt. Das bedeutet nicht, dass sie die Geräte unbedingt sinnvoll verwenden. Aber einen Bedarf zur Vorbereitung sehe ich hier nicht. Die Lehrenden jedoch brauchen definitiv eine Anleitung für den sinnvollen Einsatz von Geräten. Hier sind niederschwellige Konzepte ebenso notwendig wie der Ausbau dieser Konzepte durch sehr engagierte Lehrerinnen und Lehrer.

Es sollten sich aber weitere Gruppen auf die Digitalisierung vorbereiten: die Eltern beispielsweise, aber auch die Kirchen und Gewerkschaften. Eltern haben zu Hause oft schon Regeln eingeführt, wie lang digitale Technologien und Fernsehen pro Woche genutzt werden dürfen. Diese müssen nun überdacht werden. Kirchen und andere Institutionen, die sich mit dem Menschenbild in Deutschland auseinandersetzen, müssen sich darauf vorbereiten, dass es ganz neue Formen der Lernunterstützung geben wird. Manche von den Konzepten werden vielleicht Anreiztechniken aus dem Spielebereich übernehmen, wie sogenannte „Leaderboards“ oder „Badges“. Damit wird ein Teil der Benotung der Schüler plötzlich die ganze Zeit transparent – und es ist unklar, ob das zu mehr Leistung oder mehr Druck oder beidem führt.

Lernende Algorithmen beinhalten ebenfalls immer Menschenbilder, die besser oder weniger gut gestaltet sein können. Hier gibt es Bedarf für eine gesamtgesellschaftliche Diskussion. Gewerkschaften möchte ich aufrufen, einen Blick in die Zukunft zu werfen, wo lange, digitale Leistungsspuren jeden Arbeitnehmer und jede Arbeitnehmerin begleiten. Das wird Begehrlichkeiten wecken.

Was gehört, neben der technischen Ausstattung, sonst noch zu einer erfolgreichen Digitalisierung des Schulunterrichts?

Ganz grundsätzlich müssen wir mehr über unsere Werte nachdenken. Welche Werte wollen wir erhalten, wo müssen wir neue schaffen oder durchsetzen? Dazu ein Beispiel: Es gibt durchaus Stimmen, die sagen, dass wir in einer Post-Privacy-Ära leben und dass das auch nicht weiter schlimm sei. Diese Stimmen setzen sich dafür ein, einen vermeintlich „alten“ Wert aufzugeben. Andere setzen sich für den Datenschutz ein und versuchen analoge Rechte in das digitale Zeitalter zu transportieren, was teilweise zu sehr sperrigen und manchmal auch skurrilen Lösungen führt.

Ich denke, dass wir uns dafür einsetzen müssen, dass unsere sozialen Kontexte, an die wir in der realen Welt so sehr gewöhnt sind, auch in der digitalen Welt respektiert werden. Das heißt, das wir als Menschen beispielsweise die Accounts der anderen auf sozialen Medien nicht benutzen, um sie zu beschämen. Es heißt aber vor allen Dingen, dass auch Algorithmen diese sozialen Grenzen respektieren lernen müssen. Wenn ich auf einer Lernplattform bin, dann sollten meine Daten nicht in einem ganz anderen Kontext verwendet werden, z.B. für eine Bewertung meiner Durchhaltefähigkeit im Rahmen meiner Arbeit. Das müssen wir als Gesellschaft durchsetzen und jeden einzelnen soweit stark machen, dass er oder sie diese Werte in der digitalen Welt einbringt und verteidigt. Das ist eine Grundvoraussetzung für den Einsatz digitaler Technologie in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen – auch der Digitalisierung des Schulunterrichtes.

Welche analogen Lernmittel und Lehrmethoden sollten erhalten bleiben?

Mir kommt keines in den Sinn, auf das ich verzichten möchte, von Geodreieck bis Reagenzglas – noch nicht einmal die ungeliebten Vokabellisten. Selbst das damit verbundene, sture Auswendiglernen ist für mich ein hoher Wert. Wenn es heute bei Vokabeln vielleicht nicht mehr ganz so wichtig ist, lateinischen Begriffe aus lebensfernen Zusammenhängen zu erlernen, sollten doch weiterhin Gedichte auswendig gelernt werden oder Jahreszahlen und Fakten historischer Gegebenheiten. Das erste bringt einen emotional-ethischen Rahmen mit sich, in dem Kinder ihre Gefühle und ihre Werte einordnen können, das zweite den gesellschaftlich-politischen Rahmen, mit dem neue Situationen verglichen und bewertet werden können.

Diese Rahmen müssen im Kopf fest verankert sein, da vielleicht das genaue Datum der französischen Revolution nachschlagbar ist, aber keine digitale Technologie auf eine Frage antworten kann, die gar nicht erst gestellt wird, weil die Schülerin oder der Schüler nicht weiß, dass es überhaupt eine französische Revolution gab.