Köpfe der Digitalisierung: Fragen an Thomas Schmidt

Thomas Schmidt ist Pädagoge und Geschäftsführer von Helliwood media & education im Förderverein für Jugend und Sozialarbeit e.V. (fjs e. V.).

Thomas Schmidt

Helliwood

Thomas Schmidt ist Pädagoge und Geschäftsführer von Helliwood media & education im Förderverein für Jugend und Sozialarbeit e.V. (fjs e. V.). Seine eigenen Erfahrungen in einer zunehmend digitalen Gesellschaft hat er in dem Buch “#Neuland – 40.000 Jahre Medienkompetenz“ festgehalten, das kontinuierlich in seinem Blog unter www.wapoid.de fortgeschrieben wird.

Kann die technische Ausstattung von Schulen Schritt halten mit der technischen Entwicklung und alltäglichen Erfahrungen von Schülerinnen und Schülern in der digitalen Welt?

Das kann Schule wahrscheinlich nie – und das muss sie auch nicht. Schulen sollten sich vielmehr auf ihre pädagogischen Aufgaben in einer digitalisierten Welt konzentrieren. Dazu gehört insbesondere die Vermittlung von Medienkompetenz. Sogenannte Fake-News von „echten“ Nachrichten zu unterscheiden lernen, ist beispielsweise keine Frage der neuesten Gerätegeneration, das geht auch analog. Gleichzeitig sollten Schulen aber über eine adäquate technische Grundausstattung verfügen. Dazu gehört neben funktionierenden Geräten auch ein guter Internetzugang mit entsprechender Bandbreite und die Lehre unterstützende Hardware wie Minicomputer, Programmierumgebungen und Technik, die Kreativitätsprozesse unterstützt. Trendsetter müssen Schulen also nicht sein, aber hinter der Entwicklung zurückbleiben dürfen sie auch nicht.

Was sind Ihrer Meinung nach die großen Themen, auf die Schule Antworten bereithalten sollte?

An erster Stelle steht hier das Thema Privatsphäre. Die Frage, wie privat oder öffentlich man eigentlich sein möchte, ist ganz zentral. Weitere große Themen sind Big Data und das Wissen darüber, was mit unseren Daten passiert, wie man sie nutzen kann, wie man sie schützt und kontrolliert. Auch das Thema Smart Home  – also die Möglichkeit über das digitale Netz Geräte unseres Alltages miteinander zu verbinden – wird immer relevanter, ebenso wie die Möglichkeit, soziale Kontakte zunehmend über den virtuellen Austausch zu pflegen. Darüber hinaus sollten Schülerinnen und Schüler nicht nur zu kompetenten Nutzern werden, sondern auch befähigt sein, als Macher zu agieren. Programmieren zu können, ist schon lange kein „Nerd-Thema“ mehr. Ein Grundwissen darüber, wie Coding funktioniert und vor allem, was man damit alles anstellen, also neu schaffen kann, ist heutzutage essentiell – und zwar nicht nur im Schulkontext, sondern auch als Rüstzeug für die berufliche Zukunft.

Aus Ihrer Erfahrung mit digitalen Lernumgebungen: Welche Technik ist notwendig und sinnvoll, was sollten Schulen anschaffen? Welche Dinge lassen sich mit welchen Geräten umsetzen?

Wichtig sind die Rahmenbedingungen. Ich bin sehr dafür, dass es an Schulen eine Art Pool gibt, aus dem heraus man verschiedene Geräte gezielt für bestimmte Lernzwecke einsetzen kann. Ein zentral zugänglicher Gerätepool mag vielleicht altmodisch klingen, aber in seiner Praktikabilität ist er überzeugend: Die Geräte können leicht gewartet werden und für die Schülerinnen und Schüler fallen finanzielle Hürden für die eigenständige Gerätebereitstellung weg.

Die Geräte sollten auch einen ordentlichen Internetzugang haben. Das wird wahrscheinlich nicht in dem Umfang wie an einem Uni-Campus möglich sein, wo jeder überall Empfang hat. Aber es sollte mindestens klar definierte Orte geben, wo Internet verfügbar ist. Und wenn es darum geht, gemeinsam digital zu lernen, muss es zudem Projektionsmöglichkeiten geben. Whiteboards beispielsweise gehören ja bereits zur Grundausstattung vieler Schulen. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten, da reicht schon ein großer Fernseher, auf den die Lerngruppe gemeinsam schaut.

Über diesen Mindeststandard hinaus gibt es weitere Anforderungen, die mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Zum einen gilt es, Lernumgebungen zu schaffen, in denen Schülerinnen und Schüler ortsunabhängig lernen können. Lernen findet ja nicht nur im Klassenzimmer statt, sondern auch zu Hause, in der Bibliothek, vielleicht auch mal draußen. Mit Cloud-Diensten ist es möglich, den Zugriff auf digitale Lernmaterialien an all diesen Orten verfügbar zu machen.

Ein weiteres großes Schlagwort ist Individualität. Das heißt, Schülerinnen und Schüler sollten die Möglichkeit haben, ihre ganz eigene mediale (Lern-)Umgebung selbst zu gestalten. Das können sie mit ihrem selbst mitgebrachten Smartphone oder mit eigenen Accounts auf den Schulgeräten tun. Ich halte beispielsweise nicht viel davon, wenn jeder dieselben Apps auf seinem Tablet hat, auch wenn das für Lehrende oft einfacher ist. Wir denken ja auch nicht alle dasselbe oder ziehen uns alle gleich an.

Was muss Ihrer Ansicht nach geschehen, damit die Vision von der Digitalisierung des Bildungssektors Realität wird?

Ich denke, dass Schule eins verstehen muss: Die Digitalisierung, die gesellschaftliche Entwicklungen so schnell vorantreibt und mit einem hohen Grad an Individualisierung einhergeht, stellt auch andere Anforderungen an den Schulalltag. Die Taktung von Schulstunden steht dem entgegen. Das heißt, wenn Schulen angesichts der Digitalisierung ihr Profil neu denken wollen, müssen sie auch an solche strukturellen Dinge denken und die strenge Zeittaktung zumindest partiell auflösen. Das Gleiche gilt für die Räumlichkeiten: Diese müssten umgestaltet werden. Statt für den Frontalunterricht angeordneten Bänken sollte man in flexiblen Lerninseln denken.

Ein ganz wichtiger Punkt ist auch, dass Schule sich nicht als losgelöste Institution begreifen darf. Genau wie das Digitale ist sie ein essentieller Bestandteil der Welt von Schülerinnen und Schülern, sie muss sich Impulsen von außen öffnen. Es macht ja einen Großteil der Attraktivität und auch des Erfolgs von Digitalisierung aus, dass sich Leute einbringen und miteinander austauschen. Hier gibt es einige wirklich gute Initiativen zum Beispiel von Unternehmen, die sich vor allem an junge Leute richten. Damit meine ich nicht, dass Bankmitarbeiter den Wirtschaftsunterricht übernehmen oder IT-Unternehmen Einführungen in ihre eigene Software geben sollten. Ganz im Gegenteil: Schule ist und muss ein geschützter Raum bleiben. Aber geschützt heißt nicht geschlossen. Daher muss es Regeln für eine Öffnung geben, die es ermöglichen, mit gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt zu halten. Hierbei geht es auch um Transparenz. Man muss Lehrkräften klarmachen, wer der Absender von bestimmten Angeboten ist, und sie selbst entscheiden lassen, ob sie das Material sinnvoll in ihrem Unterricht einsetzen können oder nicht.